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Amateurfunk

Altmodisch.

Jahresende. Das Jahr, in dem ich sechzig wurde. Zeit, ein wenig darüber zu reflektieren, warum ich immer noch einem Hobby nachhänge, dass mich seit sechsundvierzig Jahren begleitet.

Sechsundvierzig Jahre, in denen sich der Amateurfunk unfassbar weiterentwickelt hat. Damals war FM eine „neue“ Betriebsart auf 2m, Relaisfunkstellen benutzten alte Taxifunkgeräte, Quarze kosteten ein kleines Vermögen, für mich als Schüler zumindest. 1972 kam Oscar 6, ein Amateurfunksatellit mit einem Transponder an Bord. Durchgänge berechnete man mit einem „Oscarlator“, einem genialen grafischen Hilfsmittel, aus einem kopierten Blatt Papier und einer Klarsichtfolie bestehend. 1972 war auch das Jahr, in dem ich als SWL mit meinem OV DARC-Clubmeister werden durfte.

Heute haben wir immer noch FM, neben DMR, D-STAR, C4FM, TETRA … und digitale Daten-Betriebsarten zu Hauf. Erde-Mond-Erde klappt heute auch für OM Normalverbraucher, damals waren Funkamateure wie DL3YBA mit ihren Superstationen für mich Fabelgestalten wie für Altersgenossen vielleicht Fußball-Nationalspieler. Das Funk-Hobby hat mich persönlich zu einer soliden Karriere in der Mikroelektronik und als Hochschullehrer gebracht. „All I ever needed to know, I learned in kindergarten“, hieß ein Bestseller von Robert Fulghum aus dem Jahr 1988. „All I ever needed to know, I learned in ham radio“, vielleicht schreibe ich mal so ein Buch. Stimmt zwar nicht ganz, ein wenig hat mir die RWTH Aachen auch beigebracht, aber der Amateurfunk war schon sehr wichtig.

Und was begeistert mich heute am Hobby? FT8 vielleicht, die neueste Betriebsart des Nobelpreisträgers Joe Taylor, K1JT, die die Kurzwelle im Sturm erobert? Nicht wirklich. Digitale Sprache via D-STAR, mit exzellenter Internet-Integration, rauschfreie Kommunikation weltweit mit dem Handfunkgerät? Wo ich doch den Ulmer D-STAR-Umsetzer DB0ULM in den Räumen der Universität betreibe? Nicht wirklich. FreeDV, die Open-Source-Lösung für digitale Sprache auf Kurzwelle, die mit beeindruckend kleinen Bandbreiten auskommt? Schon eher, aber auch nicht wirklich.

Telegrafie. Morsen. CW. Ich bin halt hoffnungslos altmodisch. Telegrafie, das war die wirklich disruptive Technologie, die ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erstmals latenzfreie Kommunikation rund um den Globus ermöglichte. 1837 demonstrierte Samuel Morse seinen elektromechanischen Telegrafen, 1838 erfand Alfred Vail den Buchstabencode, den 1848 Friedrich Gerke vereinfachte und ihm seine heute übliche Form gab. 1858 bereits überbrückte die Atlantic Telegraph Company den Atlantik, Königin Victoria sandte ein Telegramm an US-Präsident Buchanan. Ein paar Wochen später versagte das Kabel, aber die Menschheit war einen Riesenschritt weiter. Das Internet von heute ist eine evolutionäre Folge dieser Entwicklung, keine Revolution.

1859 dann war die Schlacht von Solferino die erste militärische Unternehmung, die mit Hilfe von Telegrafen gelenkt wurde. Die Telegrafie verlor sehr schnell ihre Unschuld.

Funktelegrafie vereinfachte die Kommunikationsnetze, machte aus Marconi einen schwer reichen Mann, Marconi, der die Funktelegrafie nicht erfand, aber zu einer kommerziellen Realität machte. In Highlands, New Jersey, konnte ich noch die Fundamente seiner Antennen sehen, mit denen er Ergebnisse der America’s Cup Rennen 1899 empfing und an Zeitungen in New York verkaufte. Etwas weiter südlich lag vor dem ersten Weltkrieg die Belmar Receiving Station der Marconi Wireless Telegraph Corporation. Telegrafisten wohnten in einer Luxusunterkunft, wurden von eigens aus Europa angeheuerten französischen Küchenchefs verköstigt.

Funktelegrafie hielt Verbindung in der Seefahrt, nicht nur bei Notfällen (die Titanic fällt uns ein), sondern auch im stinknormalen Tagesbetrieb. 1973 durfte ich das noch selbst erleben, sehen, mit welcher Seelenruhe die Schiffsfunker das Papier in die Schreibmaschine spannten, obwohl doch die Übertragung schon begonnen hatte, das halbe Telegramm im Kopf behielten und den mit atemberaubender Geschwindigkeit gegebenen Zeichen munter hinterher schrieben. So ein Talent verdient den Sternekoch. Aber die Zeiten waren da schon lange vorbei.

Funktelegrafie veränderte den Lauf der Geschichte im zweiten Weltkrieg. Deutsche U-Boote erhielten Enigma-chiffrierte Telegramme mit Einsatzanweisungen, Agenten der sowietischen GRU und der britischen SOE kommunizierten mit ihren Zentralen von überall im Nazi-besetzten Europa, koordinierten die Widerstandsbewegungen, die deutsche Soldaten in großer Zahl banden, Soldaten, die an der Front dringend gebraucht wurden. Telegrafist war hier eine hochgefährliche Angelegenheit, die mittlere Lebenserwartung eines SOE-Telegrafisten nach Einsatzbeginn war sechs Wochen — auch der Telegrafistinnen, den viele dieser Einsatzkräfte waren Frauen.

Funktelegrafie, das ist für mich vor allem gelebte Geschichte. Nun gut, ich gebe meine Morsezeichen mit einer elektronischen Squeeze-Taste, aber so habe ich es bei den Seefunkern 1973 auch gesehen. Das Dekodieren geht im Kopf. Ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich die schwachen, instabilen Signale eines „Mark II“-Agentenfunkgeräts (oder eines Nachbaus) aus den vierziger Jahren höre. So muss es gewesen sein, als die mutigen Frauen und Männer des Widerstands den Nazi-Schergen die Stirn boten. Einer von ihnen war Knut Haugland, der am Angriff auf die Schwerwasser-Fabrik Norsk Hydro beteiligt war und später, 1947, der Funker von Thor Heyerdahls Kon-Tiki war. Kon-Tiki, das Boot habe ich als Kind verschlungen. Als Haugland 2009 starb, 92-jährig, verdrückte ich doch ein Tränchen.

Die Vorstellung, mit geringster Leistung und improvisierten Antennen über hunderte, tausende von Kilometern Kontakt zu halten, hat mich ein Leben lang beschäftigt. Klar, das geht heute auch in FT8, wenn man denn einen Rechner dabei hat. Besser vielleicht als in Telegrafie, fehlerfreier. Aber einfacher ist das in Telegrafie.

<

p dir=“auto“>Und viel mehr Freude macht es zudem. QRP forever.

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