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Meinung, Notfunk

Auf ein Neues, das letzte Mal?

Seit vielen Jahren unterstützt eine Gruppe von Ulmer Funkamateuren (und -amateurinnen) das Ulmer Rote Kreuz bei der Bewältigung der Aufgaben am Ulmer Festwochenende (das seinen Höhepunkt findet am Schwörmontag, nach Ulmer Logik nicht der dritte, sondern der vorletzte Montag im Juli).

AEG Teleport 9 vor dem Metzgerturm

Im Test: das 2m-BOS-Relais für das Ulmer Festwochenende.

Was haben wir nicht alles schon gemacht: es fing an mit Fernsehübertragungen entlang der Donau während des Nabada, des großen Wasserumzugs am Schwörmontag, Rettungsboote wurden mit APRS lokalisiert, Funkposten entlang der Strecke verteilt. Es wurde weniger über die Jahre, was noch bleibt, ist der Aufbau einer speziellen Relaisfunkstelle, auf Frequenzen der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) im 2m-Band, so um 168 MHz herum.

Das ist alles Routine. Die freundlichen Damen und Herren des Maritim-Hotels lassen uns wie selbstverständlich auf die Dachplattform ihres Gebäudes, der mit Abstand beste Standort, um die Innenstadt von Ulm mit Funk zu versorgen. Vielleicht mit Ausnahme des Ulmer Münsters, aber am Widerstand der Münsterbauhütte haben wir uns vor 20 Jahren schon die Zähne ausgebissen. Da läuft nichts, und außerdem müssten wir auf den Münsterturm laufen, das Maritim-Hotel hat einen Aufzug.

Der Aufbau, Steckmast mit Groundplane-Antenne, vollduplexfähiges FuG9c mit Relaisstellenzusatz in einem Werkzeugkoffer, dauert vielleicht 15-20 Minuten. Anschließend ein ausgiebiger Test, vom Volkfestplatz die Donau hinauf bis zum Saumarkt und durch die Innenstadt, alles funktioniert prächtig.

Ein bisschen Wehmut dieses Jahr. Das TETRA-Digitalfunknetz ist voll ausgebaut, auf bayrischer Seite testen die Kollegen schon eifrig, in Baden-Württemberg wird es zumindest für Feuerwehr und Rettungsdienst noch etwas dauern, nicht aus technischen, sondern aus organisatorischen Gründen. Und wegen des lieben Geldes. Neue Funkgeräte sind teuer, vor allem aber die nötige technische Aufrüstung der Leitstellen.

Aber warum dem Analogfunk nachtrauern? Schrieb nicht unlängst ein ehemaliger Uni-Kollege in einem Leserbrief an die Südwestpresse, nur noch in Albanien und Deutschland würde analog gefunkt? Den Spruch gibt es schon seit mindestens 10 Jahren, er ist heute noch genauso falsch wie damals. In Wirklichkeit war die Aussage mal: nur in Deutschland und Albanien gibt es kein Digitalfunknetz für Behörden und Organisationen für Sicherheitsaufgaben. In Frankreich beispielsweise gab es das schon lang, aber eben nur für die Gendarmerie, alle anderen funkten analog.

Das einheitliche analoge Funknetz der BOS in Deutschland ist eine Riesen-Leistung gewesen. Nach der Waldbrand-Katastrophe in Niedersachsen im Jahr 1975 wurde zügig dafür gesorgt, dass alle polizeilichen und nicht-polizeilichen Kräfte mit einheitlichen Funkgeräten ausgestattet wurden. Jeder konnte mit jedem funken. Die Betriebsabwicklung war einheitlich, die Bedienung der Geräte auch. Die Geräte waren teuer, aber auch unglaublich zuverlässig. Noch heute begegne ich Geräten, die seit über 40 Jahren im Einsatz sind und immer noch klaglos funktionieren.

Die Investition in das analoge Funknetz hat sich gelohnt. Natürlich leistet das digitale Netz mehr. Zuvörderst ist es abhörsicher. Und Gespräche können quer durch die Republik geführt werden (nicht dass die nichtpolizeilichen BOS das so oft brauchen). Aber es ist eben auch sehr teuer in der Infrastruktur, komplex, seine Robustheit bei Großlagen wird sich noch erweisen müssen.

Fällt heute das Analogrelais des Rettungsdiensts aus, schnappe ich mir meinen Werkzeugkoffer und ein Reservegerät, und meistens bekomme ich das in einer Stunde wieder hin. Eine plötzliche Großlage irgendwo im Kreisgebiet? Unsere Funkgruppe steht bereit, mit dem von uns vorgehaltenen Material können wir schnell mal irgendwo zusätzliche Funkkapazitäten schaffen. Das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, schon aus bürokratischen Gründen nicht.

Und vierzig Jahre wird das neue Netz auch nicht halten. Noch sind nur ein Bruchteil der Feuerwehren und Rettungsorganisationen ausgerüstet, da spricht man schon von maximal 10 Jahren, bis das Netz abgelöst wird. Wohl durch ein LTE-basiertes Netz, dass dann die Infrastruktur der Telefonanbieter nutzen wird – von dieser Lösung hatten die BOS bislang noch ausdrücklich abgesehen. Aber ein eigenes LTE-Netz, das würde die öffentlichen Kassen endgültig sprengen.

Solange die Frequenzen des Analogfunks der BOS noch zur Verfügung stehen, stehen auch wir bereit, um einzuspringen. Mit einfacher Technik, schnell aufzubauen, nicht leistungsfähig, aber jederzeit einsatzbereit.

Getreu dem allzu oft vergessenen Grundsatz: KISS – keep it simple, stupid!

Das gilt nirgendwo so sehr wie in der Katastrophe. Deshalb wird dieses Mal sicher nicht das letzte Mal.

 

 

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Auf ein Neues, das letzte Mal?

  1. Auch bei einer zentral unterhaltenen TETRA-BOS-Infrastrukturen sind Vorüberlegungen für mögliche Alternativen (je nach eigenem abzudeckenden Aufgabenspektrum) sicherlich nicht verkehrt. Nach Substitution der klassischen Telefonvermittlungstechnik (ISDN & Co; mit zentraler Speisespannung und ggf. USV-Option) sollte man sich rechtzeitig Gedanken machen, wenn in einigen Arealen die öffentliche Stromversorgung (damit auch z.B. die xDSL-Transitebene) nicht mehrstabil zur Verfügung steht.
    Neben Satellitenverbindungen und einer trassendisjunkten Anbindung von Führungsstäben an festen Standorten (als Alternative zu einem weiteren naturgemäß viel sicheren Satellitenlink nach dort) bietet sich weiterhin die Kurzwelle mit einer einfachen, aber ungemein wirksamen Datenübertragungsoption (Für Aufträge, Meldungen sowie Feedback reicht es allemal) von wahlfreien Einsatzorten zum Exchange bzw. (Mail-)Server im eigenen (Büro-)Haus an. Das DRK realisier dies mit einer verschlüsselten und gezielt adressierbare PACTOR-Übertragung (Wavemail als Subset von Airmail) in einer somit bundesweit geschlossenen Benutzergruppen (nach den Vorgaben des Internationalen Roten Kreuz, ICRC).
    Auch nach Einstellung des analogen BOS-UKW-Funk (2m / 4m) haben einige IuK-Einheiten des DRK eine digitale Reserve (vgl. Lösung des DRK-Bundesverbandes mit einer Betriebsfunkzelle auf mobilem Mast und bundesweite genehmigten MNC-Kennung) in der Hinterhand.
    Mit DSLAM- und xDSL-Modem Strecken wird selbst der OB-Feldkabelbau wieder interessant (vgl. DRK LV Nordrhein), weil hierüber IP-Übertragungsdistanzen über mehrere 100m möglich werden. Zwar nur mit beschränkter Bandbreite; was aber für eine technisch gesicherte Kommunikation im Krisenfall locker reicht.

    Verfasst von Jupp | 23. August 2016, 12:58 pm

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