//
du liest...
Meinung, Nachrichten, Technik

Schweißdrüsenhelikalantenne

Vorträge bei wissenschaftlichen Konferenzen in meinem Fach bringen nur äußerst selten Überraschungen. Wenn's hoch kommt, ein kleiner Fortschritt unter lauter sattsam bekannten Ansätzen, da ist man schon zufrieden, wenn die wesentlichen Fakten stimmen. Und die Ankündigung großer Neuerungen beruht leider oft auf fehlenden geschichtlichen Kenntnissen.

Kürzlich war ich in San Diego bei einer mittelgroßen Konferenz namens Radio and Wireless Week. Warum ich da überhaupt hinfahre, angesichts meiner zynischer Grundhaltung? Nun, ich bin einer der Organisatoren der Konferenz, die an sich schon ganz nützlich ist – weil sich dort Leute treffen und über Wissenschaft reden, da passiert der echte Fortschritt. Eingeladen war ein Wissenschaftler der hebräischen Universität in Jerusalem, der über Impedanzspektroskopie in den Biowissenschaften ging – Methoden der Hochfrequenztechnik in der Analyse von Gewebe zu nutzen, ist im Augenblick sehr aktuell.

Erinnerungsskizze: (a) Schweißdrüse (b) in der Form ähnliche Helikalantenne (c) Reflektionsmessung an menschlicher Haut.

Mitten im Vortrag dann ein Themenwechsel. Jetzt wolle er über etwas reden, was ihm sehr auf dem Herzen läge. Er zeigt ein Schnittbild der menschlichen Haut. Darauf zu sehen ist auch eine Schweißdrüse, aus der ein Kanal abzweigt, durch den der Schweiß zur Hautoberfläche gelangt. In meiner Handskizze ist das Bild (a). Dann zeigt er das Bild einer Helikalantenne, Abbildung (b). „Vergleichen Sie die Bilder,“ sagt er. „Wenn es aussieht wie eine Ente, läuft wie eine Ente, quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente.“ Die Schweiß-Dukte müssten irgendwo im Bereich oberhalb 100 GHz resonant sein, und weil sich die Leitfähigkeit der Dukte mit steigender Schweißabsonderung erhöhe, müsste sich das messen lassen. Gesagt, getan, er misst den Reflektionsfaktor (genauer gesagt, den Betrag des Streuparameters s11) an der Hautoberfläche von Studenten, deren Schweißsekretion er durch sportliche Betätigung, aber auch durch Stress moduliert. Das Ergebnis sieht in etwa so aus, wie in Abb. (c). Er sieht seine Hypothese voll bestätigt. Die Absorbtion von elektromagnetischer Strahlung steige im Bereich oberhalb 100 GHz stark an, obwohl man doch das Gegenteil erwarten würde.

Und nun propagiere die IEEE (Institution of Electrical and Electronic Engineers, eine international tätige und äußerst einflussreiche Standesorganisation), den Bereich oberhalb von 100 GHz vor allem für die Kurzstreckenkommunikation zwischen Geräten auf dem Körper zu nutzen (WBAN, wireless body area network). Das mache ihm Angst, denn man wisse nicht, wie die (wohl dann hüllkurven-demodulierten) Signale im Nervensystem weiterverarbeitet würden.

Nun ist das menschliche Gewebe ein kompliziertes Gebilde mit sehr unterschiedlichen dielektrischen Eigenschaften, und die beobachtete Resonanz könnte auch andere Ursachen haben, zudem hat sie ja eine sehr geringe Güte. Aber interessant, und überraschend, ist die Beobachtung schon.

 

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: