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Dayton HamVention: ein Jugendtraum wird wahr

Amateurfunk, eine wahrhaft universelle Gemeinschaft!

Amateurfunk, eine wahrhaft universelle Gemeinschaft!

Einmal die Dayton HamVention zu besuchen, das war mein Traum, für eine solch lange Zeit, dass ich beim besten Willen nicht mehr sagen kann, seit wann. Und manchmal ist es bei Jugendträumen ja so, dass Du schwer enttäuscht bist, wenn sie wahr werden. Um es kurz zu sagen: Die HamVention war alles, was ich erträumt hatte, und mehr. Aber Du musst selbst etwas dazu tun: Du musst Dich einlassen auf Dayton.

Kein Hochglanz-Konferenzzentrum à la Ham Radio Friedrichshafen. HamVention ist wie Dayton: blue collar, sympathisch, aber abgewetzt. HARA Arena ist vom Einsturz bedroht, Zeugnis vergangener Tage, als Frigidaire, NCR, General Motors Dayton den Wohlstand bescherten. Eine Eishockey-Arena als Zentrum, ein Gewirr von Hallen drum herum, offenbar ohne Plan an- und umgebaut, weitläufig, unübersichtlich. Draußen der Flohmarkt, dem unsicheren Wetter ausgesetzt, ein paar Zelte, aber vor allem „tail gating“, Verkauf von Krempel aus der geöffneten Heckklappe des Station Wagons oder SUV heraus. Aber welche Ausmaße – locker zwei Mal so groß wie das Ulmer Volksfest. Den Flohmarkt kann man schon um Acht besuchen, die HamVention erst um Neun – und am ersten Tag kann es sich auch schon mal um eine viertel Stunde verzögern, weil der Fire Marshal mit seinem Rückgang noch nicht fertig ist. Welcome to America, jeder trägt es mit Fassung, und in der mustergültig disziplinierten Schlange kommen die ersten „eyeball qsos“, die ersten Kontakte zustande.

Zeichen der Zeit: die HARA Arena, Heimat der Dayton HamVention, hat schon bessere Zeiten gesehen.

Zeichen der Zeit: die HARA Arena, Heimat der Dayton HamVention, hat schon bessere Zeiten gesehen.

Wer die HamVention nur besucht, um die Ausstellung zu besuchen, wird schnell müde, zu weitläufig sind die Hallen. Abhilfe schaffen vielleicht die am Eingang zu mietenden Elektro-Scooter, die in beträchtlicher Zahl auf die Alten, Gebrechlichen oder auch pathologisch Übergewichtigen warten. Aber auch hier werden die großen Händler immer weniger, bei denen man von Funkgeräten unterschiedlicher Hersteller bis zu vielfältigem Zubehör alles kaufen kann, was das Funkerherz begehrt. Zu groß die Konkurrenz aus dem Internet, zu groß auch die Konkurrenz der ultra-billigen Geräte chinesischer Provenienz, über deren Zweckmäßigkeit und Qualität man sehr unterschiedlicher Meinung sein kann.

Äußerst vielfältig ist dagegen die Landschaft von kleinen und kleinsten Firmen, die irgendwelche Zubehörkomponenten oder auch Software an den Mann (und die sehr wenigen Frauen) bringen wollen. Vielfältig auch die Ständen von Clubs und Interessenverbänden – nicht so international wie in Friedrichshafen, aber die USA sind halt ein Mikrokosmos.

Vor allem für Ausländer wie mich ist die HamVention eine wunderbare Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. Das „exotische“ Rufzeichen auf der Baseball-Kappe reicht als pièce de conversation. Seit der Wirtschaftskrise seien viel weniger Ausländer da als in früheren Jahren, sagt Dennis, ein ehemaliger Stahlwerker aus dem Norden von Indiana. Seit 17 Jahren in Rente, das Vermögen aufgezehrt durch die Bankenkrise, „aber die Pension ist ok“, und für Dayton reicht es allemal, nur passieren darf jetzt nichts. Wir haben unser Thema, und reden lang über „the economy“ und wie mit der Krise umgegangen wird. Erstaunlich belesen ist er, der alte Stahlwerks-Elektriker, Beleg, dass Funkamateure beileibe nicht nur engstirnige Fachidioten sind. Obwohl – nirgends sind die Nerds nerdiger als hier, Antennen auf Hüten zu Hauf, einer trägt gar einen rot-weißen Turmhut wie Dr. Seuss’s „cat in the hat“, der geschickt die meterlange Antenne verbirgt, die seinem Kopf entsprießt. Der Marsbewohner aus Area 51, den eine Firma für satellitengestütztes Internet überall herumträgt, fällt da kaum auf.

Prädikat sehr empfehlenswert: Parken und Frühstück bei Grace Brethren Church!

Prädikat sehr empfehlenswert: Parken und Frühstück bei Grace Brethren Church!

HamVention, das sind auch die zahlreichen wohltätigen und vor allem kirchlichen Organisationen, die einmal im Jahr vom Ansturm der Irren profitieren wollen. 25 Tausend Funkamateure, drei Tage lang, das ist ein nicht zu verachtender Wirtschaftsfaktor, vor allem im Norden von Dayton. Ich parke bei der Grace Brethren Church, einer Brüdergemeinde an der Basore Road. Für 7 Dollar gibt’s einen gut gepflegten Kirchenparkplatz, aufmerksame Bewachung (sogar die Personalien werden aufgenommen). Und die Breakfast Burritos (gegen Aufpreis) sind eine Wucht. Auch hier komme ich schnell ins Gespräch, eine junge Frau aus der Gemeinde ist gerade als Missionarin im Schwarzwald. Für die Mission sind auch die Einnahmen bestimmt, mein Geld fließt also quasi wieder zurück nach Deutschland. Am zweiten Tag werde ich begrüßt wie ein altes Gemeindemitglied. Man ist besorgt, dass ich zu Fuß zum Ausstellungsgelände gehen will, da gäbe es doch keinen Bürgersteig – nun ja, vielleicht 200 Meter weit geht es entlang einer ruhigen Landstraße. Und als ich dann auch noch (auf dem Bürgersteig) kurz den Rucksatz absetze, kommt auch schon der Shuttle Bus der Gemeinde, ob wohl wirklich alles in Ordnung sei? Hier könnte ich mich zuhause fühlen. Vielleicht fahre ich doch mal in den Schwarzwald.

HamVention, das sind auch die vielfältigen Foren. Die, die ich besuchte, waren alle sehr interessant, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art. Das TAPR-Forum zeigt, auf welch anspruchsvollem Niveau (auch aus Sicht des Hochschullehrers, der ich nunmal bin), im Amateurfunk gearbeitet werden kann. Software Defined Radio, ultra-flexible Hardware-Plattformen, digitale Sprachübertragung jenseits der proprietären Vocoder-Lösung, hier gewinne ich viele Anregungen für studentische Projekte. 

Die Hohen Priester der Church of Ham Nation: Bob Heil (links) und Gordon West (rechts).

Die Hohen Priester der Church of Ham Nation: Bob Heil (links) und Gordon West (rechts).

Beim Ham Nation Forum zelebriert sich dieser weltweit beliebte wöchentliche Video-Podcast selbst. Technik kommt eher nicht vor (ist auch gut so, die Experten auf dem Bildschirm greifen häufiger mal voll daneben), die fast zwanzig Jahre alte schmalbandige Schriftübertragung BPSK31 wird als heißes Thema für die Zukunft erwähnt. Aber die Begeisterung für den Amateurfunk ist ansteckend, erinnert an Zeltmission – „ich heiße Rhonda und bin dank Ham Nation seit dem 1. April lizenzierter Funkamateur!“. Erweckung dank Hohepriester Gordon West und Bob Heil. Der Amateurfunk braucht das alles, TAPR und Ham Nation.

Ham Nation hat auch einen Stand. Die Stars der Show tauchen da auf, schütteln Hände, verteilen praktische Ratschläge. Der Stand ist eigentlich die Verlängerung des Heil Sound Standes, und so ist es vor allem Bob Heil, der hier anzutreffen ist. Zur Unterstützung der Stars gibt es auch noch ein paar Stand-Komparsen, die kleine Karten mit den Daten zu Ham Nation verteilen, in Abwesenheit der Protagonisten ein wenig auf den Stand aufpassen und die eine oder andere Frage beantworten. Ein solcher Stand-Komparse war auch ich. Bob Heil in Aktion zu sehen, ist schon ein Erlebnis. Der Mann ist über siebzig, steht nie still, preist seine Mikrofone an, die neue Bluetooth-Übertragung („die anderen machen immer nur Blubberblubberblubber, aber ich habe das behoben“), schüttelt Hände von Fans, steht für Fotos bereit.

Selfie mit Bob Heil

Selfie mit Bob Heil


Seine Frau schmeißt derweil den Laden („sie macht Geschäfte und lässt mich erfinden“). Bob ist in der Rock `n` Roll Hall of Fame, wegen seiner technischen Verdienste, alles ohne formale Ingenieurausbildung, alles im Amateurfunk gelernt. 

Immer wieder sehenswert ist, wie sich Tom Pereira, der Kreuzritter gegen das kollektive Vergessen unserer Telekommunikationsgeschichte, in Rage redet. Über Achtzig, leichter Tremor, aber welches Feuer! Sein Thema: Disappearing Ham Radio History, die verschwindende Amateurfunkgeschichte. Seine Indizien: wunderbare Exponate im Smithsonian Museum in Washington, DC, darunter Samuel Morses Original-Instrumente, verschwanden nach 2006 zugunsten einer Ausstellung von Technik in der populären Kultur, „einem Stapel von alten Fernsehern“. Das Western Electric Museum – aufgelöst, unermessliche Schätze, wie Morse und Vailes Tagebücher, vergammeln in einer Scheune in New Hampshire. Und dann der Seefunk – keine Telegrafie mehr, der Funkoffizier degeneriert zur Schreibkraft an einer Computertastatur. Die Caton Telegraph Instrument Factory, die die Unionstruppen im amerikanischen Bürgerkrieg belieferte – spurlos verschwunden. Aber es gibt Hoffnung: Funkamateure haben die Mission, die Geschichte der drahtlosen Nachrichtentechnik aufrecht zu erhalten. Weiter so, Tom, auf Wiedersehen in Friedrichshafen im Juni!

Die ARRL wird Hundert, auf den Tag genau heute, am 18. Mai. Aus diesem Anlass gibt es ein langes, sehr gut gemachtes Video, eine sehr kurze Rede der ARRL-Präsidentin, und Geburtstagskuchen für alle! Könnte der DARC doch einmal lernen, mit welcher Leichtigkeit man sich feiern kann. Amateurfunk ist ein Hobby, wir alle wollen uns gut dabei fühlen – nicht die Augen schließen, aber doch immer wieder daran erinnert werden, dass Schwierigkeiten auch überwunden werden können. Das macht die ARRL ganz vorbildlich.

Bunt und schmackhaft: der Geburtstagskuchen.

Bunt und schmackhaft: der Geburtstagskuchen.

Und noch eine Dayton-Tradition. Sonntags schließt die HamVention um 13 Uhr. Anschließend versammelt sich die Amateurfunk-Gemeinde auf den Tribünen der Eishockey-Halle zur großen Versteigerung. Über 80 Tausend Dollar an Preisen kamen in diesem Jahr zusammen, allein die vier Hauptpreise sind 18 Tausend wert. Vieles wurde schon in den stündlichen Ziehungen vergeben, aber manche Gewinne auch nicht abgeholt (nur die Hauptgewinner werden benachrichtigt). Lange Zahlenreihen werden vorgelesen, hört man die eigene Ticket-Nummer, ruft man laut, wird von den Sitznachbarn lautstark unterstützt. Und ich? Habe nichts gewonnen, immer noch besser, als den Stahlgittermast zu gewinnen und sich zu überlegen, wie der wohl nach Deutschland käme …

Nach circa anderthalb Stunden ist auch das vorbei. Etwas melancholisch trete ich den Weg zurück zur Grace Brethren Church an. Mein Mietwagen ist das letzte Auto auf dem Parkplatz. Lebe wohl Dayton, spätestens wenn ich in Rente bin, komme ich wieder.

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  1. Pingback: Fünf Tage in Dayton, OH | In der Welt zuhause - 21. Mai 2014

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