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Funkbetrieb, Meinung

Wir sind viele …

Bei uns zuhause gab es ein altes Kofferradio mit Kurzwellenbereich, das meine Eltern eigentlich nur im Skiurlaub im Engadin nutzten, um Nachrichten aus Deutschland zu hören. Die geheimnisvolle Fähigkeit der Kurzwelle, große Entfernungen zu überbrücken, sogar in die engen Täler des oberen Engadins vorzudringen, war mir daher schon als Kind bekannt, und es muss so um 1969 gewesen sein, dass ich anfing, auch zuhause die Frequenzen zu durchforsten. Tage- und auch nächtelang verfolgte ich, mit Kopfhörer ausgestattet, völlig fasziniert den tages- und jahreszeitlichen Wechsel der Funkausbreitung. 1973 erwarb ich die Amateurfunk-Lizenz, zunächst nur für die Ultrakurzwelle, weil mir das Erlernen der Morsetelegrafie zunächst zu mühsam war. Aber die wirkliche Faszination des Funks, das war doch die Kurzwelle, und so schob ich 1976 die „große“ Lizenz nach, die mir den Zugang zu den Kurzwellenbändern öffnete.

Gern erinnere ich mich an die Treffen mit ein paar Gleichgesinnten, in meinem Elternhaus, das einen großen Garten hatte, in dem sich Drahtantennen spannen ließen. Ab und zu übernachteten wir sogar und verfolgten mit glühenden Wangen, roten Augen und roten Ohren das Geschehen auf den kurzen Wellen in den frühen Morgenstunden.

Aber bald begann das Studium, Mietwohnungen ohne große Antennenmöglichkeiten, Familie, Beruf, auch andere Hobbies. Die zeitaufwändige Beschäftigung mit dem Kurzwellenfunk trat in den Hintergrund, war aber immer da, als Sehnsucht, als Kindheitstraum.

An all das fühlte ich mich an vergangenen Wochenende erinnert. Insgesamt sechs Stunden widmete ich dem ARRL DX Contest, einem Funkwettbewerb, in dem Funkamateure aus aller Welt versuchen, möglichst zahlreiche Amateure in möglichst viele US-Bundesstaaten und kanadischen Provinzen zu kontaktieren. Der „sportliche“ Aspekt interessiert mich weniger, aber so ein Funkwettbewerb ist eine wunderbare Möglichkeit, wie in Kindertagen den Geheimnissen der Kurzwellenausbreitung nachzuspüren. Natürlich weiss ich nach 32 Jahren im Ingenieurberuf, wie das alles funktioniert, welche physikalischen Abläufe dafür sorgen, dass elektromagnetische Wellen in der Ionosphäre zur Erde zurück gebeugt werden. Aber die Faszination, das Geheimnisvolle, bleibt doch.

So nah am Sonnenfleckenmaximum sollte das 10m-Band (28 MHz) nachmittags ausgezeichnete Ausbreitungsbedingungen in Richtung Nordamerika bieten. Andererseits hatte eine koronale Massenejektion der Sonne zu einem starken geomagnetischen Sturm am 25. Februar geführt, dessen Auswirkungen noch mehrere Tage anhielten. Die Folge war eine Polarkappen-Absorption, die die Wellenausbreitung in den Polarregionen stark behinderte.

Das 10m-Band brodelte vor Aktivität. Von 28,3 MHz bis hinauf zu 29 MHz gab es kaum eine freie Frequenz. In großer Muße kamen in 2 1/2 Stunden über 40 nordamerikanische Stationen ins Logbuch, entlang der Ostküste vor allem, aber auch im mittleren Westen, bis nach Nebraska, Colorado wurde immerhin gehört. Aber die Westküste, oder auch der sogenannte „innere pazifische Nordwesten“, Idaho oder Montana, absolute Fehlanzeige. Ein Blick auf die Ausbreitungswege entlang des Großkreises auf der Erdhalbkugel zeigt, warum: diese Strecken laufen durch hohe nördliche Breiten. Die Polkappen-Absorption schlug zu. Als das 10m-Band schließlich „zu ging“, Wechsel auf 15 m (21 MHz). Auch hier prima Signale, aber auch hier eben aus der östlichen Hälfte der USA.

Am Sonntag nachmittag brodelte das 10m-Band noch weitaus lauter. Zu den guten Feldstärken aus den USA und Kanada kam „Short Skip“-Ausbreitung in Europa, sodass auch die zahlreichen europäischen Wettbewerbsteilnehmer nun in Deutschland gut zu hören waren. Am späteren Nachmittag dann, endlich, auch Signale von der Westküste und aus dem Nordwesten: Kalifornien, Idaho, Montana, und immer wieder Washington. Auch an diesem Tag wieder, in weniger als vier Stunden, circa 60 Stationen, ohne Stress.

Nicht-Contester schimpfen immer wieder auf die überhand nehmenden Funkwettbewerbe, in denen viele Teilnehmer vor lauter sportlichem Ehrgeiz die Grundregeln des guten Benehmens vergessen. Auch ich zähle oft dazu, vor allem wenn mir ein Telegrafie-Contest eine „Summit on the Air“-Aktivierung ruiniert, weil meine zarte Funkstimme gegen die leistungsstarken Funk-Krokodile keine Chance hat.

Aber die wirklich großen Wettbewerbe, mit tausenden von Teilnehmern überall auf der Welt, bieten auch die Gelegenheit, mal wieder die Wunder der Kurzwellen-Ausbreitung kompakt und aus erster Hand zu erleben.

Und ich genieße es auch zu erleben, wie viele aktive Funkamateure es doch immer noch weltweit gibt. Wenn es doch nur gelingen könnte, nur einen Bruchteil dieser Hobbyfreunde auch an „normalen“ Wochenende auf die Bänder zu bekommen … ein langer Plausch über Kontinente hinweg wäre auch mal wieder was feines.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Wir sind viele …

  1. Netter Artikel – hat mich stark an meine Jugend erinnert – schön, dass Du mal wieder richtig Zeit für’s Hobby hattest!

    Verfasst von Thomas Grassmann | 11. März 2014, 11:02 am

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