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Meinung, Notfunk

Eine Zukunft für den Amateur-Notfunk?

Der lizenzierte Amateurfunk feiert dieser Tage seinen einhundertsten Geburtstag, und ebenso lang spielten Funkamateure eine oft erhebliche Rolle bei der Bewältigung von allerlei Katastrophenlagen. „Wenn alles andere ausfällt – Amateurfunk!“ ist ein bekannter Slogan des amerikanischen Amateurfunkverbands ARRL.

Heute leben wir in einer Welt der allumfassenden Telekommunikation – dies erhöht einerseits das Risiko, andererseits aber kann der Amateurfunk nur noch winzige Bruchteile unseres Kommunikationsbedürfnisses abdecken. Gibt es also noch eine Zukunft für den Notfunkaspekt, aus dem der Amateurfunk traditionell einen großen Teil seiner Existenzberechtigung bezieht?

Wie es war …

Ich bin seit 40 Jahren lizenziert und seit 38 Jahren ehrenamtlich im Bereich der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben tätig, da lohnt sich ein kleiner Rückblick. In den siebziger und achtziger Jahren war der Mobilfunk den „wirklich wichtigen“ (oder wirklich reichen) Mitbürgern vorbehalten, da war der Funkamateur schon der King, wenn er an eine Unfallstelle kam und über Funk Hilfe holen konnte. Und fiel einmal in einem Stadtteil „das Telefon“ (sprich Festnetz der Post) aus, gab es keine Möglichkeit, Polizei, Arzt oder Rettungsdienst zu alarmieren – der Funkamateur als Nachbar, ein potentieller Lebensretter. Dieses Szenario haben wir zuletzt zur Jahreswende 1999/2000 durchexerziert, als ja „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ der Millenium-Bug die Zivilisation, wie wir sie kannten, auslöschen würde. Schöne Übung.

Heute muss für ein solches Szenario schon ein großflächiger Stromausfall bemüht werden, denn vor allem das Mobilfunknetz bietet für Notrufe eine große Redundanz an Frequenzen, Betriebsarten, Anbietern. Nun wird ein solches Ereignis auch bei uns wahrscheinlicher, aber bevor wir „amerikanische Verhältnisse“ haben, wo schon bei mittlerem Schneegestöber ganze Landstriche in der Dunkelheit verschwinden, muss schon einiges passieren.

Telefonverbindungen ins Ausland waren teuer und in manchen Weltgegenden gar nicht verfügbar. Noch Ende der siebziger Jahre durfte ich auf einen Medikamentennotruf aus Portugal reagieren und ein dringendes Medikament bei einem Schweizer Pharmariesen mit Niederlassung in Deutschland organisieren (der Hersteller war zunächst nicht wirklich erfreut über meinen Anruf, spielte dann aber doch mit und schickte das Medikament ganz unbürokratisch im Pilotengepäck einer Luftlinie von Zürich nach Lissabonn). Heute würde dieser Notfall wohl per Google und Email erledigt – die weißen Flecken auf dieser Erde, wo das nicht möglich ist, werden täglich kleiner (sie existieren natürlich, nur gibt’s in den Gegenden eher keine Funkamateure, mangels Stromversorgung).

Dann gab es da noch das Problem der mangelnden Interoperabilität: Polizei kann nicht mit Feuerwehr, Feuerwehr nicht mit Rettungsdienst funken. In Deutschland seit Jahrzehnten kein Problem mehr, aber bei der Schneekatastrophe in Norddeutschland 1978 schon noch ein Thema, und in vielen anderen Ländern, so auch den USA, immer noch relevant. Wo solche Probleme heute auftreten, heißt die Rückfallebene Mobiltelefon, und erst unter „ferner liefen“ Amateurfunk.

Und die Fähigkeit, ohne terrestrisches Netz Weitverbindungen herzustellen? Satellitenverbindungen sind äußerst erschwinglich geworden, sehr leistungsfähig und in Form von Satellitentelefonen (Inmarsat, Iridium, Thuraya) sehr erschwinglich.

… und was bleibt.

Durchaus verständlich, dass uns die Hilfsorganisationen nicht die Bude einrennen. Der DARC als unsere Interessensvertretung hat das Thema Notfunk viele Jahre nicht nur verschlafen, sondern bewusst ignoriert – jetzt scheint das anders zu sein, aber der Wind der technische Entwicklung weht uns kräftig ins Gesicht.

Und dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass der Notfunk im Amateurfunk eine Zukunft hat.

Nehmen wir das Szenario einer großflächigen Naturkatastrophe mit flächendeckendem Ausfall von Energie- und Telekommunikations-Infrastruktur. Hier gibt es ein Zeitfenster, in dem der Amateurfunk seine Stärken ausspielen kann, zumindest sofern wir vorgesorgt haben und netzunabhängig Funkbetrieb machen können. Mobilfunk-Basisstationen laufen nach Stromausfall 2-3 Stunden weiter, dann brauchen sie Fremdeinspeisung, was aber bei einem großflächigen Stromausfall nur bei wenigen Basisstationen realisiert werden kann. Satellitenverbindungen einigermaßen flächendeckend im Schadensgebiet einzusetzen, benötigt aber Zeit.

Der Amateurfunk kann in verschiedenen Rollen tätig werden:

  • In der Fläche kann eine möglichst große Zahl von netzunabhängig arbeitenden Funkamateuren mit einer Notfunk-Grundausbildung als Meldestelle für ihre Nachbarschaft dienen.
  • Vor allem aber können diese Funkamateure den Katastrophenschutz-Behörden wertvolle Lageinformationen vermitteln. Dieser Aspekt spielt in den USA unter dem Begriff situational awareness eine immer größere Rolle.
  • Für kritische Infrastruktur-Einrichtungen, z.B. Krankenhäuser, Notunterkünfte, Feuerwachen kann der Amateurfunk während dieser Zeit Weitverkehrsverbindungen herstellen zu Kontaktstellen außerhalb des Schadensgebiets. Hier sind digitale Betriebsarten hoch willkommen, insbesondere, wenn eine Überleitung von Meldungen ins Email-Netz außerhalb des Schadensgebiets erfolgen kann.
  • Und wenn die Mobilfunk-Infrastruktur wieder da ist, oder vielleicht bereichsweise nie ausgefallen, kann der Notstrom-vorbereitete Funkamateur den Nachbarn anbieten, ihre Smartphones bei ihm aufzuladen. Kein Witz, damit könnten wir mehr punkten als mit irgendetwas sonst.

Notwendig ist ein vertrauensvolles Verhältnis auf örtlicher Ebene.

Immer wieder höre ich das Argument, dass die Hilfsorganisationen, Feuerwehr oder auch Katastrophenschutz „uns ja gar nicht wollen“. Das trifft so sicher nicht zu. Freiwillige Helfer sind immer willkommen, noch dazu wenn sie eine besondere Expertise mitbringen. Wir (eine Gruppe von engagierten Funkamateuren aus der Region Ulm) unterstützen seit vielen Jahren das DRK bei vielfältigen Großereignissen, indem wir zum Beispiel spezielle Relaisfunkstellen aufbauen und auch betreiben – auf Frequenzen der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Der Amateurfunk bildet die Grundlage unserer Kompetenz, ist aber nicht das ausschließliche Medium. Unsere Mitglieder sind in erster Hilfe ausgebildet und tragen Dienstbekleidung des DRK.

Was die BOS nicht brauchen, sind Funkamateure, die ohne spezielle Ausbildung, ohne Kenntnis der Aufgaben und Ausstattung der Organisationen ad hoc „mitspielen“ wollen.

Was also tun, um den Notfunkgedanken zu befördern?

Ideal wäre zunächst einmal eine große Aktion, mit der möglichst viele Funkamateure eine Grundausbildung in notfall-adäquater Betriebstechnik und einigen wenigen Prinzipien der organisierten Katastrophenvorsorge erhielten, ohne einer „Notfunkgruppe“ beitreten zu müssen. Zugleich sollten wir erkennen, wie wichtig die Fähigkeit zu netzunabhängigem Betrieb, zumindest für einige Stunden, ist.

Unsere Fähigkeiten sind lokal bekannt zu machen, andernfalls nützen sie nichts. Hier können und sollten Funkamateure in Hilfsorganisationen helfen. Nach meiner Erfahrung sind für solche Kontakte „Rahmenvereinbarungen“ auf Bundes- oder Landesebene nicht wirklich notwendig, aber sie schaden auch nichts – sie können fehlendes lokales Vertrauen nicht ersetzen.

Vertrauen entsteht aus passenden gegenseitigen Erwartungen, dem Wissen um die Kompetenz und Situation des anderen.

Diskussionen

2 Gedanken zu “Eine Zukunft für den Amateur-Notfunk?

  1. Hallo Hermann,

    ich kann Dir uneingeschränkt beipflichten und unterstütze nachdrücklich Deine Meinung! Hoffentlich finden sich viele Funkamateure und stellen sich in den Dienst der guten Sache. Als angenehmes Abfallprodukt ist dies auch noch ein Schritt zu „Bandverteitigung“.
    Viele Grüße aus Fellbach. Herzliche Einladung mal wieder das DRK-Funk- und Fernmeldemuseum zu besuchen. Wie wärs mir Euerem OV oder der Bereitschaft Ulm?

    73 de Hans DL9SBV in JN48PT

    Verfasst von Hans | 30. Oktober 2014, 12:36 pm
  2. Eine Zukunft für den Amateur-Notfunk?
    Ja, den gibst. Sehr guter Beitrag. Wir hier in Zweibrücken wollen versuchen das zu machen:
    http://www.cq-k12.de dort NOT-Funk und http://www.notfunk-leuchtturm.de
    Denn mehr de je kommen wir in diese Situation das wir den Amatuerfunkdienst auch als „Dienst“ an der Gemeinschaft ausführen sollen.
    Wir machen mit.
    73 Rolf DK4XI
    NOT-Funk Referent OV K12

    Verfasst von Rolf Behnke DK4XI | 31. Oktober 2014, 6:48 pm

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